Ein Rückblick auf meine erste re:publica

Als letztes Jahr die zehnte re:publica angekündigt wurde, habe ich mich dann doch mal dazu entschlossen, mir ein Ticket zu sichern. In den letzten Jahren konnte ich oft aus beruflichen Gründen nicht teilnehmen und auch das Programm fand ich inhaltlich nicht wirklich so passend, im Gegensatz zu WordCamps. Aber zum 10. Jubiläum musste ich es jetzt doch mal versuchen 🙂

Das Programm

Ich habe mich erst am Tag zuvor so richtig mit dem Programm beschäftigt. Auch von WordCamps kenne ich das ja ganz gut, dass man sich ohnehin mehrmals umentscheidet. Aber als ich das Programm dann studiert habe, bekam ich einen kleinen Schock. Um euch mal einen kleinen Überblick zu geben, wie umfangreich das Programm war, hier mal ein „kleines Bild“:

rpten-programm-small

Laut Organisation gab es 500 Sessions auf 16 Stages mit etwa 770 Speakern aus 60 Ländern. Der Frauenanteil lag bei 46%, was ein wirklich toller Schnitt ist. Generell war der Frauenanteil auf der Konferenz erfreulich hoch. Das bin ich so von WordCamps nicht ganz gewohnt 🙂

An den ersten beiden Tagen fand auf den Stages 5-7 die Mediaconvention statt. Aus diesem Programm habe ich den ersten Tagen auch recht viele Sessions gesehen. Aufgrund der Fülle an Themen war die Auswahl manchmal nicht leicht. In manchen Slots war es aber schwieriger, einen passenden Talk zu finden. Auf alle Sessions kann ich hier nicht eingehen, daher möchte ich einfach ein paar herausstellen, die mir besonders gut gefallen haben.

Eröffnung

Die erste Session war natürlich die offizielle Eröffnung der re:publica. Diese durfte ich natürlich auch nicht verpassen. Die Session begann leider mit etwa 25min Verspätung. Laut Aussage der Organisatoren war es die erste Verspätung in 9 Jahren.

Sehr interessant waren die Zahlen, die sie schon zu Beginn verkündet haben. So waren etwa 8000 Teilnehmer angemeldet und etwa die Hälfte zum ersten Mal dabei. Ein paar Handmeldungen gab es bei der Frage, wer alle 10 Mal dabei war.

Fight for your digital rights

Im dritten Slot habe ich mir die Session von Markus Beckedahl, einem der Mitbegründer der re:publica und dem Chefredakteur des Blogs Netzpolitik.org, angesehen. Darin ermutigte er die zahlreichen Teilnehmer, sich ihre Rechte zu erkämpfen und für eine modernere Netzpolitik einzusetzen.

The Fourth Revolution

Im Rahmen der Mediaconvention habe ich mir dann eine Session angesehen, die als Gast Edward Snowden Live per Videokonferenz zugeschaltet haben. Thematisch hat sich die Diskussion des Digitalphilosophen Luciano Floridi und Snowden, moderiert von Jo Schück, kritisch mit der Informationsgesellschaft auseinandergesetzt. Hierbei wurde die Trennung von Online und Offline, sowie die Informationshoheit diskutiert.Live Video-Konferenz mit Edward Snowden

Ending geoblocking: This content really ought to be available in your country

Ebenfalls im Programm der Mediaconvention habe ich mir am Nachmittag eine Session von Julia Reda angesehen, die für die Piratenpartei im Europarlament sitzt. Ihr Vortrag beschäftigte sich mit den politischen und wirtschaftlichen Gründen, aus denen Inhalte in bestimmten Ländern nicht verfügbar sind und weshalb diese Sperren abgeschafft werden müssen. Ein wirklich sehr sehenswerter Vortrag.

Jugendschutz im Internet – Hat deine Website schon eine verpflichtende Alterskennzeichnung?

Sehr interessant war auch der Vortrag von Henning Tillmann zum Thema Jugendschutz im Internet. Darin hat er technische Möglichkeiten zur Kennzeichnung von Inhalten vorgestellt. Er ist aber auch darauf eingegangen, wieso es schwierig ist, eine Kennzeichnung nach dem Vorbild von anderen Medien auf das Internet zu übertragen und welche Gesetzesinitiativen diesbezüglich gerade in der EU diskutiert werden.

Kennzeichnung von Inhalten mit der age-de.xml Datei

Jahresrückblick Social Media Recht

Als vorletzte Session des Tages habe ich mir die erste Hälfte der Session der beiden Anwälte Thorsten Feldmann und Henning Krieg angesehen. Dabei haben sie einen Rundumschlag zu wichtigen Themen und einigen Gerichtsentscheidungen des vergangenen Jahres gemacht. Verbunden haben sie das Ganze mit einem kleinen „Bullshit Bingo“, bei dem man acht Begriffe richtig haben musste.

Saisonrückblick Social Media Recht 2015/2016

The Age of Trotzdem

Ich konnte natürlich nicht meine erste re:publica besuchen, ohne mir den Vortrag von Sascha Lobo anzusehen. Seine Vorträge sind wohl legendär und auch dieser Vortrag hatte wieder viel Unterhaltsames zu bieten. Aber seht einfach selbst 🙂

Der zweite Tag

Ja, das ist richtig. Das bisher geschilderte war alles am ersten Tag. Insgesamt gab es 11 Stunden Sessions und ich habe nur eine davon ausgesetzt, um eine kleine Mittagspause zu machen. Auch der zweite Tag hatte wieder einige interessante Sessions zu bieten inklusive einem weiteren Highlight am Ende des Tages. Aber hierzu später mehr.

@heuteplus oder wie wir Journalisten lernen, den Shitstorm zu lieben

Begonnen habe ich den Tag mit einer Diskussionsrunde der heute+ Redaktion. Neben Clas Dammann und Elmar Theveßen waren auch der Moderatoren Daniel Bröckerhoff und die Moderatorin Eva-Maria Lemke dabei. Ich habe die Sendung zwar bisher nicht so oft gesehen, aber ich finde das Format sehr erfrischend. In der Diskussion ging es vor allem darum, wie sie als Journalisten mit Kritik im Social Media umgehen und wie sie versuchen, Trollen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Auch den offenen Umgang mit eigenen Fehlern haben sie beschrieben. Für ihre Fangemeinde auf Periscope haben sie die Session aus ihrer Perspektive live gestreamt.

heute+ Redaktion bei der Diskussionsrunde auf der Bühne

FREE BITCOINS!!1! click here

Am Mittag gab es einen kleinen Workshop zum Thema Bitcoins. Der Titel war schon sehr reißerisch, aber es gab wirklich einige „Bits“ umsonst. Ich habe bisher immer nur über Bitcoins gelesen oder im Rechtsbelehrung.com Podcast etwas zur Technik gehört. Aber ich hatte bis zu diesem Workshop noch kein Wallet. Im Workshop wurde uns nicht nur eine Anleitung hierzu gegeben, wir konnten die kostenlos erhaltenen Bitcoins gleich einsetzen, um uns gegenseitig etwas Geld zu überweisen oder es zu Spenden. Mit ein wenig Experimentieren konnte ich dann letztlich doch etwas an den Wikimedia Deutschland e. V. Spenden. Ach ja, falls ihr mir etwas spenden wollt, dann findet ihr ab sofort auch eine Bitcoin-Adresse meines ersten Wallet auf meinem Wunschzettel 😉

What if you had a Thing Explainer?

Na, hat jemand von euch schon eine Ahnung, wer diese Session gehalten haben könnte? Nein? Es war kein Geringerer als Randall Munroe, der kreative Kopf hinter den beliebten xkcd Comics. Die Session war für mich eines der absoluten Highlights auf der re:publica. In seinem Vortrag hat er von Fragen berichtet, die er gestellt bekommen hatte. Seiner Meinung nach sollten Fragen nur noch von jungen Kindern unter 13 gestellt werden, weil diese die Welt noch ganz anders sehen und wirklich tolle Fragen stellen. Eine Frage (ich glaube sie kam aber von jemand älterem) war, was passieren würde, wenn man alle Elemente des Periodensystems in ihrer Reihenfolge stapeln würde. Die Bilder, die ihr in der Galerie sehen könnt sind nur halb so amüsant wie die Erklärungen, die er dazu geliefert hat. Auch die Tatsache, dass er mal Gallium bei Amazon bestellt hatte, um damit zu experimentieren, fand ich doch recht amüsant. Im Anschluss ging er noch auf sein neues Buch ein, in dem er versucht sehr komplizierte Dinge nur mit 1000 häufigsten Wörtern zu erklären. Dabei kommen dann sehr witzige Erklärungen oder Tiernamen heraus. Er hat auch ein wenig darüber berichtet, welche Probleme bei der Übersetzung des Buches ins Deutsche aufgetreten sind und sich im Zuge der Session mehrfach bei den Übersetzern entschuldigt 🙂

Der dritte Tag

Am zweiten Tag war die Auswahl der Sessions etwas schwieriger und manche habe ich ausfallen lassen. Aber am dritten Tag gab es auch wieder einige sehenswerte Beiträge, über die ich euch erzählen möchte.

Change The Story, Change The World

Mit etwas Verspätung habe ich mir den Talk von Laurie Penny angesehen und wurde nicht enttäuscht. Sie hat sich darin kritisch mit dem aktuellen typischen Rollenbild in Filmen und Büchern auseinandergesetzt und ist besonders darauf eingegangen, dass auch heute noch die meisten Helden weiße Männer sind. Als positive Gegenbeispiele hat sie Star Wars 7, mit einer weiblichen Heldin und einem afroamerikanischen Hauptcharakter erwähnt, aber auch den neuen Mad Max Film. Sie ist auch auf einige Fanfictions eingegangen, vor allem Rund um die Harry Potter Filme. Sehr gut fand ist dabei das folgenden (sinngemäße) Zitat:

Wie können sich Leute eine Welt mit Drachen und all solchen Dingen vorstellen, aber nicht gleichzeitig eine schwarze Hermine? Laurie Penny

Change The Story, Change The World.

Nichts als die „Wahrheit“ – Wieso Lügengeschichten so gut funktionieren

Der Talk von Ingrid Brodnig hat sich mit dem Phänomen von falschen Nachrichten im Netz beschäftigt und wie sich diese verbreiten und dabei immer weiter verfälscht werden, bis am Ende die Aussage komplett umgedreht wurde. Sie hat das sehr schön am Beispiel einer Meldung gezeigt, bei der es ursprünglich um Brandanschläge auf Flüchtlingsheime in Schweden ging und am Ende dann von bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Schweden berichtet hat. Interessant war hierbei auch, dass die ursprüngliche Quelle mit der „guten“ Nachricht ausgerechnet Russia Today war 🙂

Reise eines Gerüchts mit Stationen einer Meldung bis hin zur Falschmeldung

 

Das Internet hat mich dick gemacht

In ihrer Session hat Journelle, eine Bloggerin aus Hamburg, über Erfahrungen, von der Kindheit bis ins Internetzeitalter berichtet, die sie Aufgrund ihres Gewichts machen musste. Sie hat hierbei eine kleine Abrechnung mit dem allgemeinen Schönheitswahn gemacht und dem Druck, dem man als übergewichtiger Mensch ausgesetzt ist. Sie ist dabei auch darauf eingegangen, wie ihr das Internet dabei helfen konnte, sich so zu akzeptieren wie sie ist. Dabei haben ihr andere Personen im Netz geholfen, die selbstbewusst mit ihrem Körper umgegangen sind. Nicht zuletzt hat sie auch die Brücke zu anderen vermeintlichen „Normen“ geschlagen, die die Gesellschaft uns aufzwingt und Mut gemacht, diesen entgegenzutreten. Eine wirklich inspirierende Session.

Das Internet hat mich dick gemacht

Verabschiedung

Und auf einmal waren drei Tage re:publica vorbei. Am Ende geht es dann doch immer schneller als gedacht. Es wurden noch ein paar Zahlen zur Veranstaltung präsentiert. Schon alleine an der Anzahl der Volunteers konnte man sehen, wie groß die re:publica ist. Das Organisationsteam hat auch gerade so auf die Bühne gepasst. Sehr schön fand ich die wohl schon länger existierende Tradition, am Ende gemeinsam einen Queen Song zu singen. Dabei wurde der Text nicht nur auf der Leinwand im Karaoke-Stil laufen gelassen, zusätzlich liefen auch Mitglieder des Orga-Teams im passenden Moment mit Transparenten zu der aktuellen Textzeile über die Bühne. Das war echt witzig und hat erstaunlich gut funktioniert.

Fazit

Für mich war die re:publica bisher immer eine Konferenz, mit der ich mich nicht so ganz identifizieren konnte. Nach diesen drei Tagen muss ich dieser Einschätzung auch ein wenig recht geben. Insgesamt fand ich die Veranstaltung wirklich gut und die Organisation war wirklich perfekt. Die Themenauswahl war sehr vielfältig und ich habe einige interessante und inspirierende Sessions gesehen. Aber gerade diese Vielfalt an unterschiedlichen Themen macht es manchmal auch schwer, einen passenden Vortrag zu finden. Da ich in der Regel auch nicht aus beruflichen Gründen oder zum Netzwerken auf solche Konferenzen gehe, weiß ich noch nicht so ganz, ob ich auch im nächsten Jahr wieder dabei sein werde. Denn ich muss hierfür ja nicht nur privat ein Ticket kaufen, sondern auch drei Urlaubstage opfern. Aber mal sehen, vielleicht bin ich ja mal wieder dabei. Vermutlich spätestens beim nächsten Jubiläum in 5 oder 10 Jahren 🙂

Veröffentlicht von

Bernhard ist fest angestellter Webentwickler, entwickelt in seiner Freizeit Plugin, schreibt in seinem Blog über WordPress und andere Themen, treibt sich gerne bei den WP Meetups in Berlin und Potsdam herum und läuft nach Feierabend den ein oder anderen Halbmarathon.

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